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Diese Seite wurde am 03.03.2008 geändert.
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erste Norderfahrung

aufgeschrieben von Christian Böttger > Link zur Bildergalerie
Diesmal sollte uns die Muskelkraft mit dem Rad zunächst nach Russland tragen. 4 Tage nach meiner Wiederkehr von der Kur ging es von Dresden los. Wir schreiben den 17. Juli 1999. Vor uns liegen die ewigen Weiten des Kontinents in Richtung Osten. Aber alles soll man ja vorsichtig angehen. So erlaubten wir uns den ersten Stop bei meiner Großmutti in Stolpen zum Rote Grütze essen. Dort lassen wir uns auch gleich überreden die erste Nacht bei meines Vaters Cousin Johannes Rentsch in Görlitz zu verbringen. So werden wir noch abends durch das gut erhaltene Jugendstilzentrum der Stadt geführt. Matthias, der Sohn in unserem Alter begleitet uns noch bis zur EU-Außengrenze an der Neisse.

Nun schon verlassen wir die sicheren Gebiete der Wohlstandsstaaten für über 1 1/2 Monate. Aber das schreckt uns nicht ab, sondern zieht uns an. Noch ist es warm und wir haben leichten Rückenwind. So suchen wir uns die erste Nacht im Freien einen Platz nah am See. Doch dort war schon ein Pfadfinderlager. Aber fragen kostet ja nichts. Natürlich werden wir gastfreundlich aufgenommen und bekommen unser Bad. Zur Gastfreundschaft gehört ebenfalls das Essen für Abendbrot und Frühstück dazu. Es gibt Fischschnitte am Morgen wie am Abend. Am vierten Tag passiert uns die erste größere Panne. Michas Sattelschraube ist gebrochen. Das heißt, ab jetzt fährt Micha mit einem schiefen Sattel. Aber zum Glück sitzt sich sein Ledersattel recht schnell auf die neue Position ein. Am sechsten Tag sind wir im alten Gebiet Ostpreußens angelangt. Kleine Baumalleen und kaum noch Verkehr machen die Strecke immer mehr zur Wonne. Die Grenze zum Russischen Gebiet Kaliningrads (Königsberg) ist dann der Beginn des Erlebnisreisens. Viermal müssen wir die Pässe zeigen, um über die streng bewachte Grenze zu gelangen. Doch das Tor zu Russland müssen wir dann selber öffnen.

So erreichen wir schon nach sechs Tage unseres erstes Etappenziel Polessk. Hier kenne ich über die Partnerbeziehung unserer Kirche einige Leute. Zuerst gingen wir zu Natalia. Sie ist geschieden, arbeitet als Laborantin in der hiesigen Uni und freut sich über jeden Kontakt. Mutti oder ich waren in den letzten Jahren 3 mal dort gewesen. Sie war sogar dieses Jahr bei uns zu Hause gewesen. Wie immer wird man mit Essen vollgefüllt. Aber das ist eben die Gastfreundschaft, obwohl natürlich Geld knapp ist. Am 7. Tag unserer Reise werden wir von ihr durch die Uni geführt. Sie ist im besten 50-ziger-Jahre Stil gebaut worden, was heißt stalinistisch-pompös. Dunkles Holz, Hammer und Sichel mit Ährenkranz, vergilbte Schautafeln für die deutsche Grammatik ("Alle Pioniere fahren nach Leningrad") sowie dunkle Gänge. Auch haben wir uns gemeinsam das neue Gemeindehaus angesehen. Sie sind gerade dabei es aus einem alten Stall umzubauen. Aber für russische Verhältnisse sah das Gemachte schon ganz gut aus. Am 8. Tag reisen wir weiter zu Olga auf das Land. Micha vergnügt sich eine Weile zusammen mit Maxim und Ilja mit selbstgemachter Musik. Ebenso wird Fußball mit den Kleinen und den Großen auf dem Feld oder auf der Straße gespielt. Abends gibt es dann noch eine ordentliche russische Hochzeit zu feiern. Da fließt natürlich reichlich Selbstgebrannter. Niemand konnte allerdings verstehen, dass wir keinen Alkohol trinken wollten. Maxim lotste uns zum Glück aus dieser Gefahrensituation nach Hause. Denn am nächsten Tag sollte es schon wieder weiter gehen. Wir schlugen nun die Richtung Kaliningrad ein, doch davor wollten wir noch Ella besuchen. Sie wohnt zwischen Polessk und Kaliningrad und gehörte auch zu dieser Gemeinde. Jetzt hat sie ihre eigene Gemeinde in ihrem Ort gegründet. Sie ist eine richtige Bäuerin und schmeißt den Haushalt ohne Mann und mit 3 Kindern sowie mindestens 2 Enkelkindern. Nach zwei Stunden Tee und Keks geht es weiter. In Kaliningrad (Königsberg) wollen wir das neugebaute evangelische Gemeindezentrum besuchen. Kurzerhand werden wir vom dortigen Hausmeister zum Tee eingeladen. Dabei unterhalten wir uns über einen offiziellen russischen Einreisestempel, den wir uns noch nicht auf dem Amt abgeholt haben. Da aber Sonntag ist und wir kein Risiko eingehen wollen, warten wir lieber einen Tag mehr um den Stempel abzuholen. Wir werden in die Propstei einquartiert und genießen den Rest des Tages im Haus mit Klavierspiel, Zeitung lesen und Unterhalten. Am Morgen geht es dann bei strömenden Regen zum Amt. Ich warte draußen bei den Rädern während Micha sich auf dem Amt durchschlägt. Zum Glück hatte er Russlanddeutsche dort getroffen, die ihm halfen die mehrfachen Formulare auszufüllen. Danach musste er noch zur Bank gehen, dort Geld auf ein Konto einzahlen, die Quittung bekommen und diese wieder auf dem Amt vorlegen. Danach bekamen wir unseren offiziellen Einreisestempel. So nun hatten wir alles was wichtig ist in Russland. Wir waren allerdings schon wieder auf dem Weg die Enklave zu verlassen.

Gegen Abend erreichten wir die Grenze zu Litauen auf der Kurischen Nehrung. Ein letzter Blick über den herrlichen weißen leeren russischen Strand und dann begann das Touristengebiet auf der litauischen Seite. Hier gab es wieder erhaltene Häuser, gepflegte Straßen und viele Westtouristen. Da wir wussten, dass ab hier Nationalpark und somit zelten nicht gestattet war, blieb uns nichts anderes übrig als irgendwann mal die Straße zu verlassen und ein lauschiges und verstecktes Plätzchen zu suchen. Natürlich bauten wir das Zelt erst in der Dunkelheit auf sowie im Morgengrauen ab. In Kleipeda (Memel) mussten wir dann die Fähre über die Memel nehmen. Als es an das Kassieren ging wollten sie kein Geld von uns haben, da wir Radfahrer sind. Das nennt man Service. Das könnte man auch mal in Norwegen einführen. Dann schauten wir uns erst einmal die alte Stadt an. Das Pflaster auf den Straßen war aber dermaßen schlecht, dass es uns schnell aus der Innenstadt vergrault hatte. Über Felder und alte kleine Alleen ging es ins Landesinnere in Richtung Lettland. Doch bald kamen auch die berüchtigten Staubpisten. Lockeres Gestein, rasende LKW stiebten uns vollständig ein. Dazu noch die Sonne, damit sich der Staub auch noch mit dem Schweiß gut vermischen kann. Bald beginnt auch unsere Pannenserie. Micha bricht eine Niete an den Radtaschen. Wir ersetzen sie durch mitgebrachte Schrauben. Insgesamt haben wir auf der Tour ca. 3/4 unserer Nieten durch Schrauben ersetzen müssen. Zum Glück hatte Micha genug Schrauben eingepackt.

Am 12. Tag erreichen wir die lettische Grenze, wo wir einen sehr schönen bunten Einreisestempel bekommen. Ab hier haben wir uns dann entschlossen nur noch große Straßen zu nutzen, um sich nicht ewig auf den Staubpisten zu ärgern. Doch auch unsere große Straße ist auf einmal nur noch ein Staubpfad. An diesem Tag brechen Micha auch noch zu allem Überfluss zwei Schellen am Low Rider. Doch auch dort hatten wir Glück, da ich genau dieses Problem vorhergesehen hatte und wir Ersatzschellen im Gepäck hatten. Am Ende haben wir sie alle gebraucht. Nun stehen wir kurz vor der Metropole des Baltikums, Riga. Doch wie erreicht man so eine Stadt, die nur Autobahnzubringer auf der Karte auszuweisen hat. Wir entdecken eine kleine Straße nahe des Großflughafens. Doch diese versandete immer mehr. Hier und da musste man absteigen und schieben, doch dann kam die Erlösung in Form einer Asphaltstraße. Nun ging es schnurstracks in die Millionenmetropole. Natürlich endeten wir dann doch wieder auf einer Autobahn zur Innenstadt. Die Innenstadt erwartete uns als eine kulturell reizvolles Zentrum. Wir besuchten die gigantische Markthalle und rasteten neben einer riesigen Kirche mit einer der größten Orgeln. Die Innenstadt ist bestens erhalten, bestens renoviert und ein extrem teures Pflaster. Autos müssen je Stunde eine Straßenbenutzungsgebühr von umgerechnet 15 DM zahlen. Und das nicht in einem Staat des reichen Westens. Es geht wieder auswärts, diesmal auf Asphalt und einer viel befahrenen kleinen Straße. Am 14. Tag fahren wir einen Umweg von ca. 10 km nur um zu prüfen, ob die kleine Straße wirklich Sand ist. Und sie war tatsächlich Sand, was hieß umdrehen und die größere Straße wählen. Wir dachten, wir brauchen die Kräfte noch für Russland.

Schon am 14. Tag wechseln wir wieder zu einem anderem Staat, Estland. Irgendwie merkt man schon, dass man näher am Westen ist. Die Grenzer nennen sich "Borderguard" und sprechen Englisch. Ebenso existiert eine Wechselstube direkt hinter der Grenze. Aber die Grenze hat auch den Charakter der Berliner Mauer. Hier existieren die beiden Städte Valka und Valga. Leicht zu sehen das beide mal zusammengehört haben. Die Grenze liegt genau in der Mitte mit Stacheldraht durch die Häuser. Micha geht es an diesem Tag etwas schlecht. Deshalb stoppen wir schon recht früh auf einer abgemähten Wiese. Ich lege mich mit dem Fotostativ auf die Lauer, einen der vielen Störche auf Zelluloid zu bannen. Leider misslingt mir ein Bild. Doch schön ist es schon so allein in der Natur bei Sonnenschein. Am nächsten Tag erreichen wir den größten See des Baltikums, den Peipsijärvi, auch der 4. größte See Europas. Kleine langgezogene Fischerdörfer geben ein Bild von Romantik und Schönheit ab. Doch je weiter wir nach Nordosten gelangen, um so mehr Russen leben in diesem Gebiet. Und das heißt mehr Armut und vielmehr Schluderwirtschaft. Überall liegt Müll, es stinkt und die Essen sind Rußschwarz. Irgendwie erschrickt einen das schon kräftig. Aber das ist leider die Mentalität der Russen. Kurz vor der Grenze zu Russland gibt es noch einmal richtig deutsch. Wir treffen ein Missionswerk welches Lieder über den Marktplatz trällert. Leider ist die Musik nicht gerade ein Schmaus, so dass wir weiterfahren. Am 17. Tag unserer Reise haben wir nun endlich das Zielgebiet erreicht, Russland. Wieder werden wir nicht gerade gebührend empfangen. Sogar erniedrigt. Wir sollen doch bitte mit dem Personenübergang vorlieb nehmen. Das kostete uns ganze 2 Stunden Wartezeit in der knallenden Sonne und drängelnden Masse. Auch musste erst der nächstintelligentere Offizier geholt werden, um unser Zweifach-Eintrittsvisum zu begreifen. Nach kurzer Frage in englischer Sprache was unsere Taschen denn so enthielten, ging es rein ins magische Russland.

Eine richtig gute Straße mit wenig Verkehr erfreute uns dann bis nach St. Petersburg. Am Ortseingang thronte natürlich noch ein gigantischer Schriftzug "Leningrad". Dies nutzten wir gleich für eines dieser "ich war hier" - Fotos. Dann begann die Siedlungszone der Siebenmillion-Metropole. Ganze 30 km kämpften wir uns durch Neubaublocks auf gigantischen Chausseen. Einmal machten wir eine Rast auf einem Neubauplatz. Wir schätzen so ca. 10 000 Einwohner nur allein an diesem Platz. Irgendwie komisch. Aber dann die Innenstadt ist natürlich berauschend. Keine Bombe hat diese Stadt zerstört. Sie wird auch das Venedig des Nordens genannt. Viele große Kanäle durchkreuzen die Innenstadt. Alte Hauser im schönen Jugendstil lassen einem die Stadt richtig reich vorkommen. Dieser Reichtum ist allerdings nicht überall. Doch je näher man an das Schloss kommt, um so bunter wird die Stadt. Am Schloss erschlägt einen dann die Weite in der Kombination mit der Größe. Überall Gold an den Giebeln. Ein Mercedes S - Klasse folgt dem anderen. Hier trifft man also die neureichen Russen. Wir setzen uns an eine Brücke nahe des Schlosses am Fluss der Newa. Überall Touristen und Geld. Doch das kann nicht Russland sein. So lassen wir uns langsam wieder aus der Stadt drängen, durch Neubausiedlungen und verfallende Altbauten.

Am Abend zelten wir zu allem Überfluss auch noch nahe einer Stadt, neben einem stinkendem Gewässer und am Morgen überrascht uns ein penetranter Industriegestank. Dieser Gestank hielt bis nach dem Mittag an, so dass wir gezwungen waren, durch Tücher zu atmen. Später merkten wir, dass dieser Gestank nicht nur von der Industrie stammt, sondern mehr von dahinschwelenden Waldbränden. Es war eben wie man sich Russland aus Filmen vorstellte: dreckig und dunkel neblig. Noch am gleichen Tag erreichen wir Novaja Ladoga, eine Stadt am größten See Europas dem Ladogasee. Wir haben nach dem Mittagesseneinkauf uns ein hübsches Plätzchen hinter dem Friedhof am Wasser erspäht. Langsam konnten wir wieder die Ruhe genießen. Kurz nach dieser Ruhepause lädt uns prompt der Aufpasser des Kirchengeländes zum Tee ein. Obwohl wir fast kein Russisch sprechen und er kein Deutsch verstand, konnten wir uns doch unterhalten. Er, ganze 72 Jahre alt, lebte in einem ca. 10 Quadratmeter großem Raum auf seine alten Tage. Sein Geld verdient er damit, die Kirche Tag und Nacht vor Banditen zu schützen. Er nannte sich Milizionär. Er hatte verschiedene Alarmleinen gespannt, um jedes unbefugte Betreten zu bemerken. Er war richtig glücklich, dass sich jemand mit ihm unterhielt, und dann auch noch Deutsche. Wir waren nun auch um einige Erfahrungen reicher und hofften auf weitere solche Begegnungen. Abends stoppte uns auch noch ganz spontan eine Straßenverkäuferin und schenkte uns ihre restlichen Gurken. Das nennt man doch Gastfreundschaft. In Podporozh'e verlassen wir dann die Hauptstraße in Richtung Murmansk.

Wir biegen ab weiter nach Süden. Ebenfalls in diesem Ort staunen wir nicht schlecht, als auf dem Fluss halbe Ozeanriesen vom Ladogasee zum Onegasee, dem zweitgrößten See Europas, wechseln. Am Abend genießen wir noch ein kühlendes Bad in einem naturtrüben Gewässer gemeinsam mit immer mehr Mücken. An einem Kanal zum Onegasee entdecken wir noch ein letztes mal richtige russische Touristen. Sie stammten von einem der vielen Passagierschiffe, die hier ihre Binnenkreuzfahrt machen. Dabei wurden im straffen 5-Minuten-Takt die Touristengruppen durch die "schöne" Kirche geführt. Wahrscheinlich war das bloß Totschlagen der Zeit, während die Schiffe durch die Schleuse liefen. Dann als wir am Morgen starteten, war es feucht und neblig. Die Straße wechselte von Asphalt zu Staub und niemand konnte etwas mit unserer Route anfangen. Dann begann es auch noch richtig schön zu regnen. Die Straße wurde immer kleiner und die Dörfer immer verlassener. Wir kamen an eine Kreuzung, wo der kleinere Weg geradeaus ging und der größere nach rechts. Wir entschieden uns für den größeren, fragten aber im folgenden Ort. Prompt waren wir falsch. Also zurück auf den noch kleineren Weg. Kurz danach kam wieder eine Kreuzung. Diesmal sah der richtige Weg mehr wie ein Holzweg aus. Im strömenden Regen fragten wir zur Sicherheit noch einmal einen vorbeifahrenden Motorradfahrer. Er bestätigte zwar die Strecke, empfahl uns aber, im letzten Ort doch noch drei Tage nach Ende des Regens zu warten. Ansonsten war er überzeugt, dass man dort nicht durchkäme. Doch wir sagten uns, es sind nur 25 km bis zum nächsten größeren Ort und wir haben Zeit und keine Lust hier zu warten. Nach den ersten hundert Metern auf der Piste wussten wir was der Motorradfahrer meinte. Fahren war unmöglich, schieben nur unter äußerstem Kraftaufwand. Grund war der Schlamm und die vielen Pfützen. Nach ca. 1 km und vielleicht 25 min vergrößerten wir den Abstand zwischen uns, um ganz alleine mal über die Schei.. Wege zu fluchen. Die Mücken am schwitzenden Körper, dazu leichter Nieselregen aber nicht sehr kaltes Wetter. Wir genossen die Strecken mit hohem Gras oder tiefen Pfützen. Nach 15 km entdeckten wir die Ursache des Übels. Wir überschritten die Grenze zur Republik Karelien und da fehlt eben schon seit einigen Jahren die ausgeschriebene Straße. Mitten im Wald und mitten im Schlamm entdeckten wir die Grenzschilder. Wir kamen uns wie in einem schlechten Film vor. Schilder sind da, aber keine Straßen. Plötzlich waren Spuren von Zivilisation da. Zuerst hatten die Bulldozer alles klar gemacht samt den angrenzenden Bäumen. Dort konnte man gar nichts mehr machen. Der Mutterboden war so feucht, dass es keine 100 m dauerte bis sich gar nichts mehr drehte. Doch kam bald die nächste Stufe mit lockerem Sand. Dann standen wir auf einmal vor einem Bulldozer sowie einem kleinen Container. Aus dem Container kam eine Person, die uns bestätigte, dass es ab jetzt nur noch besser wird. Was er allerdings nicht begreifen konnte, wie wir es geschafft haben, diese Straße zu passieren.

Mit einer Flasche holen wir etwas Wasser aus einem kleinen Bach und machen unsere Räder wieder fahrbereit. Wir konnten allerdings nicht mehr sehr weit fahren. Es wurde langsam finster. Doch dann wurden wir belohnt für unser Unternehmen: Zuerst gab es wieder Asphalt, dann kam der Ort, wo wir auch einen Brunnen fanden. Wir nutzten ihn, um uns selber vom Schlamm zu befreien. Dabei gab es einen unbeschreiblich schönen Sonnenuntergang bis ins tiefe violett. Die Bilder sehen in der Kombination zusammen mit den alten Holzhäusern aus wie von Caspar David Friedrich gemalt. Währenddessen schenkte uns eine alte Bäuerin spontan 1 l Milch noch warm von der Kuh. So war der Kummer schnell vergessen, es wurde nur sehr empfindlich kalt. Am folgenden Morgen nutzten wir die ersten Sonnenstrahlen dazu, erst den Dreck von unseren Rädern abzuschlagen und dann den Antrieb wieder auf Vordermann zu bringen. Dabei mussten wir es bis ins kleinste Detail zerlegen. Bei mir half nicht einmal das, so musste ich noch zwei Tage mit einem nicht funktionierenden Freilauf fahren. Das hieß ständig mittreten, da sonst die Kette sprang. Der Freilauf ist mir dann 3 Tage nach der Ankunft zu Hause vollständig kaputt gegangen.

Nun hofften wir allerdings wieder auf vernünftige Straßen. Doch schon zwei Tage später wird die Straße wieder kleiner. Kein Asphalt, keiner versteht uns richtig. Nach so manchem Irrweg landen wir nach 5 km Waldzufahrt in einer Siedlung mit 3 Häusern. Wir hoffen immer noch weiter zu kommen. Doch hier ist gar keine Straße oder Weg mehr da. Nach lange Diskussion zeigt der Bauer uns den Beginn eines Pfades im Wald. Er meint nach ca. 7 km kommt ein See und weiter kennt er sich nicht aus, er weiß nur, daß es noch ca. 18 km bis zum nächsten Ort sind. Wir wagen uns also in die Taiga. Ständig muss man das Rad über einen Baumstamm heben. Dann kommt das erste Moor. Zum Glück ist es warm genug für Sandalen, so dass wir einfach nur durchwaten brauchen. Manchmal verpassen wir den richtigen Weg oder suchen ihn. Am zweiten Moor entscheiden wir die Räder abzupacken und erst einmal das Gepäck zurück zu lassen. Wir erreichen den See und sehen am anderen Ende eine Hütte. Wir deuten es als positiv und bringen die Räder noch bis dorthin. Jetzt müssen wir aber wieder zurück, um den Rest zu holen. Immer noch haben wir die Hoffnung jemanden anzutreffen, da die Hütte noch sehr bewohnt aussah. Kurz vor 23 Uhr hörten wir die ersten Paddelschläge und dann tauchte ein Boot auf. Die Besitzer entpuppten sich als St. Petersburger, die hier ihren Urlaub machen. Sie fischten quasi ihr Essen am Tag und verzehrten es am Abend. Folglich wurden wir zum Fischgericht am Feuer mit eingeladen. Bis nach 1 Uhr schwatzten wir etwas auf englisch mit den Leuten. Es waren übrigens Eltern mit ihrer Tochter.

Wir stellten aber fest, dass kein Weiterkommen mehr möglich ist. Also setzten wir am folgenden Morgen mit dem Boot zur anderen Seite über um einen kürzeren Weg zu haben. Diesmal machten wir aber den gesamten Rückweg in zwei Touren, was heißt wir sind die Strecke 3 mal an diesem Tag gelaufen. Im letztem Ort waren wir schon bekannt als wir unsere üblichen 3 Brote kaufen. Ein Student, der hier seinen Urlaub macht, hilft uns, wir ergattern noch 3l frische Milch zu 85 Pfennigen. Auch erfahren wir durch ihn die nächste Tücke. Unsere zweite Chance, d.h. die andere Straße, wird nämlich gerade erst gebaut. Doch sollen wir die Baustraße nehmen, da diese durchgängig ist. Frohen Mutes fahren wir immer mehr in den Wald auf der neuen Straße. Doch dann plötzlich endet auch diese. Micha geht noch zu Fuß bis zur nächsten Bergkuppe um festzustellen, dass dort alles aufhört. Doch plötzlich kommen die Baufahrzeuge von der Mittagspause wieder. Kurzer Wink und wir sind samt den Rädern in einem geländegängigen Mannschaftswagen in Richtung Ziel. Dieses Fahrzeug nimmt allerdings eine Piste durch den Wald, die ich mich nicht einmal zu Fuß aufgrund des Schlammes und des Wassers trauen würde. Doch siehe da, nach versprochenen drei Kilometer erreichen wir das andere Ende. Dort werden wir kurzerhand auf einen Kipper verladen. Hinten auf der Ladefläche sitzend bangten wir um unser Leben und das unserer Räder, als der Banause wie ein Verrückter durch den Wald bretterte. Nach angstvollen 15 km meinten sie, die Strecke sei jetzt gut genug und ließen uns allein. Mensch waren wir nun froh, aus Karelien wieder raus zu sein. In der nächsten größeren Stadt Kargopol füllten wir unsere Vorräte wieder auf. Dabei ging es immer nach dem Prinzip: ein Laden, eine Warteschlange und ein neues Produkt. Immer mehr kamen wir in Kontakt mit der Bevölkerung. Wir fragten jetzt immer gezielt, ob die Straßen denn existierten. Manchmal machten die Leute dann ein großes Problem daraus, so dass etwas später das ganze Dorf diskutierte.

Die nächste spannende Stelle erreichte uns bei Plesetsk, da dort jetzt anstatt einer Straße ein Raumfahrtzentrum gebaut wurde. Doch glücklicherweise war eine andere Straße nach Archangelsk ausgeschildert und sogar existent. Immer mehr Asphalt je näher wir an die große Stadt kamen, aber es gab natürlich auch immer mehr Verkehr. Dann am 31. Tag unserer Tour erreichten wir den östlichsten Punkt Archangelsk. Diese Stadt ist nun richtig echt eine russische Stadt. Fast nur Neubauten, breite Chausseen und Brache. Vernagelte Schaufenster, Müll überall sowie ungeordneter Verkehr. Wir rasteten auf dem großen Leninplatz und versuchten in Erfahrung zu bringen, ob unsere nächste Route existiert. Wir versuchten ein Hotel zu finden, was scheiterte. Aber wir fanden einen Flugticket-Service, wo sogar jemand englisch sprechen konnte. Sie verwiesen uns auf den örtlichen Buchladen. Dort war wenigstens die Strecke bis zur nächsten großen Bahnstation Onega eingezeichnet. Frohen Mutes ging es wieder weiter auf bester Asphaltstraße. Doch nach der nächsten größeren Stadt wechselte das über zu guter Staubpiste. Wir fanden sogar einen Wegweiser. Doch nach 70 km endeten wir an einer Baustelle. Die angestellten Arbeiter waren alle besoffen und meinten, dass es dort nicht mehr weiter geht. Schon ein Holzfäller hatte uns vorher von Problemen berichtet. Nachdem aber dann ein Auto wieder zurück kam und der Fahrer meinte, dort sei kein durchkommen, ließen wir uns breitschlagen und kehrten um.

Da es aber regnete und recht frisch war, kamen wir nicht mehr sehr weit. Am nächsten Morgen durchquerten wir wieder die Stadt wo der Asphalt endete. Wir stoppten am Bahnhof um eine Verbindung zu bekommen. Statt dessen wurden wir von der Miliz aufgegriffen. Im vergitterten Bereich erfuhren wir dann, dass wir uns in einer Militärstadt befanden, die kein Ausländer betreten darf. Nachdem ein Beamter in Zivil unsere Pässe dreimal ansah und viele Telefonate machte, entschied man, kein Protokoll ("das ist ja so viel Arbeit") zu schreiben. Wir mussten allerdings das Gebiet innerhalb 24 h verlassen, was kein Problem darstellte. Also waren wir am 34. Tag wieder in Archangelsk. Nach einem abenteuerlichen Kauf von Tickets stiegen wir abends in den Zug Richtung Moskau ein. Diese Züge bestehen aus rund 20 Waggons mit nur Schlafwagen oder ungeschlossenen Liegewagen. Doch es war wie ein normaler Liegewagen, bloß ohne Türen. Wir wechselten allerdings gegen 1 Uhr Nachts den Zug in Richtung Murmansk. Wir hatten nur eine Stunde Zeit, um an dem überfüllten Schalter ein Ticket zu ergattern. Schwierigkeit ist, dass jeder seinen Pass zeigen muss. Bei uns muss dann auch noch das Visa telefonisch überprüft werden. Doch wir erreichten den Zug noch vor der Abfahrt. Wie vorausgesagt, war er total überfüllt und uns sagte man, dass wir die Räder nicht im Gang stehen lassen können. Also bauten wir die Vorderräder aus und legten die Räder in die Gepäcknetze. Die Taschen verteilten wir auch noch über den Zug bevor sich jeder einen Platz zum Schlafen suchte. Im ganzen dauerte die Zugfahrt für 5 DM pro Person 14 h auf ca. 350 km Distanz. Wir schlichen mit dem Zug durch abgelegenste Taiga entlang des Weissen Meeres bis nach Belomorsk.

Dort stiegen wir aus. Ich nutzte die Mittagspause am Meereszufluss um mir die Haare zu waschen währenddessen das nächste Unwetter herannahte. Nachdem wir nahezu vollständig durchnässt waren, stellten wir uns an einem Laden unter. Etwas später kam ein junger Mann mit dem Auto. Nach kurzer Bekanntgabe der Namen wollte er mit uns auf die Freundschaft trinken. Dabei schlug er vor, jeder kauft in diesem Laden Wodka ein. Da wir aber keinen Alkohol trinken wollten, meinte er, er könne auch ganz alleine den von uns gekauften Wodka, quasi für uns trinken. Er ließ nur langsam locker und versuchte dann irgendwann mal abzudüsen. Leider war sein Auto benzinlos, so dass er einfach jemanden stoppte, mit ihm Freundschaft machte und dann etwas Benzin erbat. Das nennt man clever, aber wir waren cleverer. Jetzt kehrten wir auch wieder zurück zur Hauptverbindungsstraße St. Petersburg - Murmansk. Das hieß die nächsten 600 km nur Asphalt und geradeaus. Wir durchquerten verschiedenste Landschaftsformen. Zuerst Wälder, dann viele Moore und später baumlose Öden. Einmal fand ich abends so viel Blaubeeren, dass wir Marmelade für viele Tage hatten. Auch trafen wir 6 russische Radfahrer, die von Petrozavodsk bis nach Murmansk wollten. Sie waren allerdings nicht ganz so technisch ausgerüstet wie wir. Alle Räder hatten keine Gangschaltung, selbstgebaute Taschen, große Rucksäcke auf dem Rücken, altes Zelt, kalte Schlafsäcke und schlechte Sachen. Am Feuer feierten wir zusammen abends den Geburtstag von Sergej. Es gab selbstgesammelte Pilze und Beeren, Kekse, Waffeln, Fleisch und natürlich Wodka. Vor dem Essen haben wir dann noch die Räder verglichen sowie natürlich das Werkzeug. Dabei war erstaunlich, was die Radfahrer alles so mit sich schleppten. Riesige Rollgabelschlüssel, Hammer, Gewindeschneider, ganze Lager sowie für das Feuer ein großes Beil und eine 1 m Blattsäge. Nach dem gemeinsamen Frühstück trennten sich unsere Wege wieder.

Am 41. Tag erreichen wir dann endlich Murmansk unsere letzte große russische Stadt. Mittlerweile haben wir über 4000 km zurückgelegt und sind langsam aus dem Sommer in den beginnenden Herbst gerutscht. Meist sind nur noch so gegen 5 bis 10 Grad Celsius und Wind ist immer. Diese Stadt wurde erst in diesem Jahrhundert gegründet, um den Standort zum Seehandel zu nutzen. Eine gigantische U-Bootflotte soll wohl auch dort liegen. Wir sehen nur die Läden und Neubauten. Ebenso sehen wir uns plötzlich bei einem jungem Mann zu Hause. Er hat uns einfach mal eingeladen. Er spricht etwas Englisch. Wir lernen seine Partnerin kennen, eine Lebensgeschichte sowie etliche schnelle schmackhafte Speisen. Die Räder haben wir einfach mit ins Wohnzimmer genommen, da ja sonst "Klaus" sehr aktiv ist. Er gibt uns noch verschiedene Tipps und meint die Straße zur Grenze nach Finnland sei OK. Denn Rest des Tages nutzen wir noch um endlos viele Briefe zu schreiben und um unsere restlichen Rubel entweder auszugeben oder in Finnmark umzutauschen. Bis ca. 70 km ist sogar super Asphalt auf der Straße doch danach beginnt es kontinuierlich schlechter zu werden. Zuerst beste Staubpiste, dann etwas mehr Schlaglöcher. Die letzten 20 km waren dann aber loser Schotter, was der Graus eines jeden Radfahrers ist. 6 km vor der Grenze begann dann der militärisch geharkte Seitenstreifen. Die Grenzer bestanden dann darauf, dass wir den Zettel mit den Devisenangaben ausfüllten. Und das für unsere 100 FIM, wo doch die anderen Dollars bündelweise vorzeigten. Doch nach sechsmaligem Zeigen der Pässe und abermaligen nicht Kapierens unseres Zweifacheintrittsvisums erreichten wir den Westen wieder.

Ein freundlicher Grenzer begrüßte uns in Englisch, war interessiert an uns, fragte ob wir denn nicht einen schönen Stempel von ihm haben wollten und entschuldigte sich sofort dafür, dass gerade die Straße gebaut wird und dadurch etwas schlechtere Passagen auftreten könnten. Das erstemal konnte man auch wieder das WC benutzen. Gleich hinter der Grenze schlugen wir unser Zelt auf und fühlten uns sicher. Am 44. Tag erreichten wir den ersten Konsumtempel des Westens. Hier gab es einfach alles, aber zum fünffachen Preis. Wir trauten uns fast gar nichts einzukaufen. Unser nächstes Ziel war Inari am gleichnamigen See. Es ist ein Muss einmal am Inarisee gewesen zu sein, es ist quasi der schönste See Finnlands und gleichzeitig ein Kultzentrum der Samen. Für uns war ebenfalls der Genuss der schönen glatten Asphaltstraßen angesagt. Doch nicht lange, am 45. Tag zerbricht Michas Felgenwand. Wir schleppen uns noch mit einer notdürftigen Reparatur bis nach Neiden in Norwegen. Während ich die Zeit auf einem Parkplatz totschlage, ist Micha mit dem Bus und seinem Hinterrad nach Kirkenes gefahren, um dort irgendwie etwas zu arrangieren. Er findet einen Laden, der ein altes Hinterrad übrig hat und speicht die Felge in sein Hinterrad um. Der Laden war sogar so kulant und hat Micha das Hinterrad geschenkt. So nutzten wir das Hinterrad gleich um unsere Ersatzteile etwas aufzustocken.

Nach diesem Tag Rast geht es nun schnurstracks zum Nordkapp. Doch immer stärker wird der Wind nach Norden. Auf dem Ifjordfjell merken wir schon wie stark der Wind geworden ist, so dass es schwierig ist, die Balance zu halten, wenn der Wind von der Seite kommt. Doch dann ab Ifjord geht es nach Norden was heißt ohne größeren Widerstand. Als wir wieder oben auf dem Fjell sind, drückt der Wind uns kräftig nach Norden. Zwischendurch jedoch muss man noch einmal runter. Das hieß, der Wind pfiff noch viel stärker durch den Canyon der Abfahrt. Ich lasse die Bremsen los und erreiche sofort 70 km/h, bremse und warte bis Micha ran ist. Dann lasse ich mich noch ein zweites mal laufen und bremse wieder ein zweites mal runter auf 0. Während ich meine Füße runtersetzen will gibt es einen lauten Knall und mein Reifen war vorne platt. Ich muss 20 Schutzengel gehabt haben, dass es erst beim Stillstand passiert ist. Vor 2 Jahren ist das Micha auch bei einer Abfahrt in Norwegen passiert. Dabei hatte er allerdings noch die Fahrt von 35 km/h drauf und stürzte grausig. Ab jetzt fahren wir beide nicht zu schnell. Doch wir müssen weiter um die Fähre noch zu erreichen. Das Wetter wird immer schlimmer mit Sturm und Regenböen. Wir werden quasi wieder den Berg hinauf gepustet und entschließen uns nicht nach Kjøllefjord zu fahren, da wir da seitlich des Windes fahren müssten, sondern nach Mehamn nur noch direkt nach Norden. Auch dort legt die Fähre an, allerdings schon Nachts um 1 Uhr. Wir werden von einer Kioskbetreiberin aufgesammelt und mit zu ihr nach Hause eingeladen. Wir warten und warten auf die Fähre, doch an diesem Tag hat sie aufgrund des Sturmes nicht angelegt. In Kjøllefjord legte sie aber an. So suchten wir uns die Buszeiten aus um nach Kjøllefjord umzusiedlen, da es immer noch stark stürmte. Dort nutzten wir den Tag, um die Räder mal wieder auf den besten Stand zu bringen. Auch haben wir Michas Vorderradnabe gereinigt und die Kugeln gewechselt, da es uns schon seit einer halben Ewigkeit ein Liedchen sang. Der Händler des Sportladens zeigte uns dann sogar freundlicherweise einen Warteraum, wo wir schön angenehm die Nacht verbracht haben.

Früh haben wir vorsichtshalber nichts gegessen, was sich als richtig erwiesen hat. Das älteste Schiff der Hurtigrute ist eben leider noch nicht mit Stabilisatoren ausgerüstet. So müssen wir 2 Stunden lang den Seegang durchhalten. In Hønningsvåg angekommen flüchten wir gleich in den dortigen Warteraum. Trotz starkem Sturm versuchen wir ans Nordkapp zu gelangen. Die Straße hoch auf das Fjell können wir schon gar nicht mehr fahren, nur noch schieben. Oben schmeißt es mich nach 10 km Strecke aufgrund des Windes von der Straße in den Graben. Als es dann auch noch beginnt zu regnen, schlagen wir den Rückzug ein. Abwärts müssen wir allerdings so stark bremsen, dass die Fahrradbremsen nicht mehr ausreichen. Nur durch Einsatz der Schuhsohle können wir die Fahrt etwas in Zaum halten. Nach etlichen Stunden des Grauens kommen wir wieder in den warmen Warteraum.

Dort sitzen schon zwei Niederländer, die hier übernachten wollen. Wir hegen jetzt natürlich den gleichen Gedanken. So trocknen wir wieder alle unsere Sachen und hoffen entweder morgen auf gutes Wetter für einen zweiten Versuch oder wir drehen um, um schnellstmöglich ins Landesinnere zu kommen. Doch am 52. Tag ist das Glück mit uns und das Wetter nur noch extrem windig. Wir versuchen es ein zweites Mal und es gelingt uns die 35 km Straße zu erkämpfen. Doch dann kommt die nächste Hürde die Eintrittskasse mit stolzen 45 DM pro Person. Doch scheinbar schauten wir so erbärmlich aus, dass der Kassierer meinte Fahrradfahrer haben freien Eintritt. So konnten wir endlich die Fotos "mit dem Fahrrad am Nordkapp" abhaken. Doch das Wetter zog immer mehr zu. Nebel, Regen und Wind liessen uns bis zum Schließen der Station um 16 Uhr zögern. Doch dann mussten wir runter. Zum Glück wussten wir den Raum in Hønningsvåg, wo wir total verfroren und durchnässt ankamen und eine zweite Nacht verbrachten. Der Hafenwart kannte uns mittlerweile und zeigte uns noch sein Büro. Wir waren richtig froh, doch noch bis dorthin gekommen zu sein am Anfang des Septembers.

Doch dann ging es schnell wieder nach Süden. Zuerst nach Lakselv und dann weiter zum norwegischen Kältepol Karasjok. Von dort geht es zum Zentrum der Samen, Kautokeino. Es ist spät und dunkel. Wir haben keine Lust das Zelt aufzubauen. Also fragen wir nah bei der Kirche nach einer Möglichkeit zum kostenlosen Übernachten. Die gefragten Personen verweisen uns auf ein Freilichtmuseum von Hütten, wo man doch drin schlafen könnte. Keine Frage, schon haben wir eine okkupiert und den Boden gereinigt. So verbringen wir mal wieder eine Nacht ohne unser Zelt zu nutzen. Nun geht es kurz mal wieder zurück nach Finnland. Wir wollen allerdings gleich wieder nach Schweden. Wir haben den nördlichsten schwedischen Grenzübergang und Grenzstadt Karasuando genutzt und sehen richtig typische schwedische Landschaft. Bäume, Flüsse und nur sehr seichte Berge. Hier gibt es fast keine Siedlungen mehr. Doch es gibt Rastplätze wo Grill, Bank, Badestelle und meist eine kleine Hütte vorhanden ist. Das ist natürlich ideal für Radfahrer. So nutzen wir beide Nächte in Schweden solche Hütten. Wir fuhren entlang der einzigsten Straße nach Kiruna, eine gigantische Erzgrube mit Stadt. Entlang der Erzeisenbahn nach Narvik steigen wir immer höher. Der letzte Herbst bläst durch die Bäume und erntet alle Blätter. Es ist mit Temperaturen um 0 Grad Celsius richtig kalt. Man sagt uns, dass hier die letzte Woche ohne Schnee angebrochen ist.

So fahren wir bald wieder runter an die warme Golfstromküste Norwegens. Wir schauen uns die Erzverladestadt Narvik an, wollen aber gleich wieder weiter nach Süden. Neben Narvik finden wir einen herrliche Platz zum zelten. Die Lichter der Stadt liegen im Abendrot der Berge. Dann plötzlich taucht das Nordlicht zuckend am Himmel auf. Nur ganz leicht wechselt es die Farbe von weiss zu blau. Ständig wandert es über den Himmel. Wir wollen diesmal die Lofoten über die Fähre von Skutvik nach Svolvær erreichen. Fantastisches Wetter lässt uns auf ein grandioses Finale unserer Radtour hoffen. Von der Fähre haben wir einen herrlichen Blick auf die Inselkette mit den über tausend Meter hohen Bergen. Es ist wie in einem Traum. Doch am 61. Tag sehen wir ein tiefrotes Morgenrot. Und das ist ja bekanntlich ein Zeichen für schlechtes Wetter. So ist der nächste Tag total verhangen und verregnet. Wir sehen uns noch das unter UNESCO-Schutz gestellte Dörfchen Nusfjord an und wollen so bald wie möglich in Moskenes am Fähranleger ankommen. Doch dann treffen wir noch in Reine, ein Ort auf Inseln mitten im Fjordausgang 4 Studenten aus Wittenberg. Bei Tee erzählt jeder seine Geschichte während es dunkel wird. Sie wissen noch nicht wo sie schlafen, aber sie haben schon eine Feier im Ort erspäht. Wir wollen allerdings noch die letzten 10 km unserer Radtour absolvieren. Im Halbdunkeln geht es am Meer entlang zum letzten Ort auf den Lofoten, Å. Kurz davor ist der Fähranleger mit einem kleinem Touristenbüro. Wir entscheiden, daß wir diese Nacht im Eingang des Touristenbüros auf dem Abstreicher schlafen. Kurz bevor wir zur Fähre gehen schauen wir noch die 3 km weiter zu Å. Dies sind die letzten Kilometer unserer Radtour mit insgesamt 6389 km in 62 Tagen. Ab nun geht es nur noch mit Schiff bis Bodø, dann weiter mit Zug über Trondheim nach Oslo. Das Schiff brachte uns dann nach Kiel und das Wochenendticket der Deutschen Bahn AG ins warme Nest Dresden.














unsere Reiseroute von Dresden St. Petersburg, Archangelsk, Murmansk zum Nordkapp und weiter auf die Lofoten

Polen - viele schöne und auch ruhige Alleen lassen uns angenehm auf unsere weite Reise einstimmen

an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad müssen die Autos ordentlich warten - wir fahren natürlich bis vor

nahe Polessk besuchen wir Olga aus unserer Partner-Kirchgemeinde

auf der kurischen Nehrung bewundern wir die herrlichen einsamen Sandstrände an der Ostsee

ein estnisches Fischdorf am Peipusjärvi, dem viertgrösten See Europas

in Narva müssen wir als Fussgänger mit über die Grenze nach Russland

der Winterpalais in St. Petersburg

sowjetische Grossstadtarchitektur in St. Petersburg

trotz fast keiner Russischkenntnisse können wir uns unterhalten..

in Richtung Karelien werden die Strassen immer einfacher

die Strasse war kaum noch auszumachen - aber ein Schild war natürlich da

hier ist schieben angesagt

nach den Schlammpisten ist ersteinmal eine gründliche Reinigung angebracht

Belohnung am Abend mit einem herrlichen Licht

ja - und wo ist hier die Strasse?!

nach 7 Kilometer Trampelpfad kommen wir an diesen See mit Hütte

in Steshevskaja werden wir von Kindern umringt - wir sind mal wieder die ersten Ausländer im Ort

auf der Karte ist diese Strasse schon deutlich zu sehen - in Natura auch, bloss dass man sie nicht befahren kann

wegen der schlechten Baustrasse fahren wir im Mannschafts-LKW mit

in Plesetsk - dem neuen Weltraumzentrum Russlands - scheint das Brot knapp zu sein

mal wieder auf der Suche nach der richtigen Strasse in Richtung Onega

unsere erste Fahrt mit dem Zug von Archangelsk endete in Belomorsk - mangels einer Strasse

immer wieder freuen sich die Kinder, wenn sie mal so ein tolles Rad anfassen dürfen

kurz vor Murmansk treffen wir eine Gruppe russischer Radfahrer - interessant ist natürlich der Materialvergleich

und zum Abschied noch das Foto mit allen

Picknick nahe Kandalaksha

in greifbarer nähe die Hibinen

ein Regenbogen schückt die eher triste verbrauchte Landschaft nahe Monchegorsk

angekommen in Norwegen - auch hier nur noch Tundra

mit einem Schiff der Hurtigrute setzen wir von Kjølefjord nach Hønningsvåg über

endlich am Nordkap angekommen

in Schweden nahe Kiruna wartet der farbenprächtige Herbst auf uns

die Lappenforte am Torneträsk

traumhafte Wohnlage auf eine der vielen Inseln der Lofoten im Eismeer

Nusfjord - Weltkulturerbe auf den Lofoten